Çay Bahçesi: Die Teegartenkultur Istanbuls
Ein çay bahçesi, wörtlich ein „Teegarten“, gehört zu den ältesten und schlichtesten Vergnügen Istanbuls: ein Ort unter freiem Himmel, meist unter Bäumen oder direkt am Wasser, an dem man stundenlang vor kleinen Gläsern Schwarztee sitzt. Eine Karte, die sich zu lesen lohnt, gibt es selten. Man kommt wegen des çay (des türkischen Tees), wegen des Schattens, der Aussicht und der Gesellschaft, und man bleibt, weil niemand einen zum Gehen auffordert. Wer die Teegartenkultur Istanbuls verstehen will, fängt hier an: Der Teegarten ist ein öffentliches Wohnzimmer, offen für Familien, Studenten, alte Männer mit Backgammonbrettern und alle anderen, die eine Stunde übrig haben.
Was ist ein çay bahçesi?
Im Kern ist ein Teegarten eine Ansammlung niedriger Tische und Stühle im Freien, eine Küchenbude mit einer Reihe dampfender Kessel und ein Kellner, der mit einem runden Tablett voller Gläser zwischen ihnen hin und her geht. Manche sind großzügig angelegt, in Terrassen an einen Parkhang über dem Bosporus gebaut. Andere bestehen aus einem Dutzend Hockern auf dem Gehweg unter einer Platane. Die Größe ändert sich. Die Idee bleibt dieselbe.
Der Teegarten gehört der ganzen Stadt und keiner bestimmten Schicht. In einer Ecke schenkt eine Großmutter ihren Enkeln Tee ein, daneben streiten zwei pensionierte Nachbarn über eine Partie, ein junges Paar teilt sich einen Teller simit (Sesamkringel), eine Studentin liest, ein langsam abkühlendes Glas neben dem Ellbogen. Es ist günstig, gemächlich und gesellig, und genau deshalb hat der Teegarten Einkaufszentren, Kaffeeketten und jede andere Mode überdauert, die durch Istanbul gezogen ist.
Tulpengläser und die doppelte Teekanne
Der Tee kommt im ince belli bardak, dem kleinen, taillierten Glas in Tulpenform, auf einem Untertellerchen mit Löffel und zwei Zuckerwürfeln. Das Glas ist dünn, also hält man es am Rand. Die Farbe ist den Istanbulern wichtig: Ein gutes Glas leuchtet in einem tiefen, klaren Rot, das man tavşan kanı nennt, „Hasenblut“.

Diese Farbe verdankt sich dem çaydanlık, der übereinander gestapelten Doppelkanne. Im kleinen Kännchen oben zieht langsam ein starker Sud, während unten im größeren das Wasser kocht. Der Kellner gießt einen Schuss des dunklen Suds ein und füllt mit heißem Wasser auf, so lässt sich jedes Glas heller oder kräftiger machen. Wer ihn hell mag, bestellt açık, wer ihn dunkel will, sagt koyu oder demli. Einige ältere Gärten arbeiten noch mit einem semaver (Samowar), und ein paar auf den Hügeln servieren den Tee kannenweise, damit sich ein ganzer Tisch selbst einschenken kann. Mehr über das Blatt, die Plantagen am Schwarzen Meer rund um Rize und die Zubereitung zu Hause steht in unserem Beitrag über türkischen Çay.
Tavla, Familien und alte Männer
Wer einem Teegarten zuhört, bevor er ihn sieht, hört zuerst die Würfel. Tavla (Backgammon) ist der Klangteppich: das Rasseln im Becher, das Klacken der Steine, die etwas fester als nötig aufs Brett geknallt werden, der laufende Kommentar dessen, der gerade verliert. Viele Gärten haben Bretter hinter der Theke, für jeden, der danach fragt. Anderswo spielt man okey, ein Spiel mit Steinchen, auf filzbespannten Tischen.
Das Herz des Ganzen sind die Stammgäste. Ältere Herren besetzen oft fast täglich zur selben Stunde denselben Tisch, und der Kellner bringt ihren Tee, ohne dass sie bestellen müssen. Am Wochenende verschiebt sich die Mischung hin zu Familien, die sich nach einem Spaziergang mit Papiertüten voller Sonnenblumenkerne niederlassen, vor einem Tablett, das nie leer zu werden scheint. Niemand stört sich an Kindern, die zwischen den Tischen herumrennen. Niemand stört sich an einem Gespräch, das sich seit einer Stunde im Kreis dreht. Genau diese Geduld ist der Sinn der Sache.
Welche Teegärten in Istanbul blicken aufs Wasser?
Die beliebtesten Teegärten Istanbuls sind die mit Aussicht, und weil diese Stadt aus Hügeln und Wasser besteht, gibt es davon reichlich. Einige, die den Weg lohnen:
- Pierre Loti, Eyüp: eine Terrasse auf dem Hügel über dem hinteren Ende des Goldenen Horns, zu Fuß durch einen alten Friedhof oder mit der Seilbahn zu erreichen.
- Gülhane-Park: Die Teegärten am Nordende des Parks schauen hinüber zu der Stelle, an der der Bosporus auf das Marmarameer trifft.
- Emirgan-Park: am europäischen Ufer des Bosporus, bekannt für seine Tulpen im April und die alten Pavillons zwischen den Bäumen.
- Çamlıca-Hügel: auf der asiatischen Seite, mit einem weiten Panorama zurück über die ganze Stadt.
- Die Uferpromenaden von Üsküdar und Kadıköy: schlichtere Orte, oft niedrige Hocker und Kissen auf den Ufertreppen, mit Blick auf die Altstadt bei Sonnenuntergang.
Gehen Sie am späten Nachmittag hin. Das Licht wird weicher, die Fähren färben sich golden, und der Tee schmeckt besser, wenn man ihn sich mit einem Aufstieg verdient hat.
Benimmregeln im Teegarten
Feste Regeln gibt es keine, aber ein paar Gewohnheiten helfen, sich einzufügen:
- Setzen Sie sich einfach an einen freien Platz. Man wartet nicht darauf, platziert zu werden, und muss auch nichts zu essen bestellen.
- Bestellen Sie nach Anzahl. „İki çay“ (zwei Tee) genügt den meisten Kellnern, und sie behalten Ihre leeren Gläser im Blick.
- Lassen Sie nachschenken. Ein leeres Glas ist eine Einladung. Wenn Sie genug haben, legen Sie den Löffel quer über das Glas.
- Bezahlt wird am Schluss. Die Gläser werden meist beim Gehen gezählt, nicht beim Servieren.
- Keine Eile. Ein Tisch, der zwei Stunden lang bei vier Gläsern Tee besetzt bleibt, ist völlig normal, und niemand wird mit der Rechnung um Sie herumschleichen.
Wie eine Dachterrasse dieselbe Idee weiterträgt
Im Grunde ist der Teegarten eine Vorstellung von Zeit: ein Platz unter freiem Himmel, ein Glas, das immer wieder gefüllt wird, eine Aussicht, die sich langsam verändert, und ein Gastgeber, der einen bleiben lässt. Diese Idee reist gut. Eine Dachterrasse auf der historischen Halbinsel leistet, was die Gärten an den Hängen leisten: Sie hebt einen über die Straße und legt einem das Wasser und die Kuppeln zu Füßen. Am Abend weicht der Tee oft der Nargile mit Blick auf den Bosporus, demselben langsamen Ritual im Lampenlicht.
Im Moss Lounge the Bosphorus an der Fetva Yokuşu in Süleymaniye fließt der Çay so endlos wie in einem echten Teegarten. Adem Özen, den die Stammgäste Moss Adem nennen, führt die Terrasse wie ein Zuhause und nicht wie ein Restaurant, mit der Süleymaniye-Moschee auf der einen Seite und dem Goldenen Horn und dem Bosporus auf der anderen, und er merkt sich, wie Sie Ihren Tee trinken. Tische reserviert man per WhatsApp, geöffnet ist die Terrasse täglich von 08:00 bis 02:00 Uhr.